© 2018 Narcisa Fluturel

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F I O R I T O  &  F L U T U R E L   

Das künstlerische Werk 2005-2018

PLASTICITY | tempi rubati

Textbeiträge - Mitwirkende

“...a scientist must be absolutely like a child. If he sees something, he must say that he sees it (...). See first, think later, then test. But always see first.”

Douglas Adams, “The Hitch Hiker’s Guide to the Galaxy”

 

„Man setzt voraus, dass ich ein Wissenschaftler bin  (zumindest bezahlt man mich dafür...) also versuche ich die Lehrvorschriften von Douglas Adams zu befolgen (und auch von Galileo Galilei zum Beispiel), aber das ist nicht immer leicht. Unser Gehirn besitzt die Tendenz die Ordnung der Elemente umzukehren und oft denken wir zuerst, dann schauen wir und schließlich sagen wir was wir vorher gedacht haben über das, was wir danach gesehen haben . Aus diesem Grund gefällt mir die Arbeit von Massimo Fiorito und Narcisa Fluturel. Sie sind keine Wissenschaftler, aber als Künstler betrachten Sie die Welt, sagen was sie sehen und schließlich denken sie darüber nach und helfen anderen darüber nachzudenken. 

Zeit ist alles für das Gehirn. Man könnte sogar fast sagen, dass die Zeit das Gehirn ist. Unsere Wahrnehmung der Welt erfolgt durch die plastische Veränderung unserer Neuronen, jenen Zellen aus denen der größte Teil unseres Gehirns besteht. “Plastizität” ist das Gegenteil von  “Elastizität”: eine elastische Substanz wird nicht auf permanente Weise von einer externen Kraft verändert, während etwas Plastisches kontinuirlich und permanent von der Erfahrung modifiziert wird. Das Gehirn ist wahrscheinlich das Plastischste, das man bisher entdeckt hat. Die Zeitwahrnehmung ist ein kompliziertes Phänomen für die Neuro-Wissenschaftler (und für die Psychologen, Physiker, Philosophen, Musiker, Bankangestellte, Mechaniker und alle anderen..), aber eine einfache Hypothese könnte sein, dass die Aktivität der Neuronen selbst die Neuronen verändert und das dieses Phänomen der fortschreitenden Modifizierung vom Gehirn als Zeit interpretiert wird.

Ein praktisches Beispiel: wenn ich ein Objekt anschaue, sind meine “visuellen” Neuronen aktiviert. Diese Aktivität verändert auch ihre Form und diese Veränderung wird von mir als die benötigte  “Zeit” empfunden um das Objekt anzuschauen. Die gleichen Betrachtungen können für jede Funktion des Gehirns gelten (für praktisch jegliche Kontrolle unseres Tuns).

Zuerst siehst du, dann denkt es. Als ich das erste mal die Videos und die Bilder von Massimo und Narcisa sah, dachte ich sofort, dass sie sehr viel mit diesen „Vorschriften“ zu tun hatten. Ich kannte nicht ihre Denkprozesse, aber ich glaubte ihre Frage wäre „Was ist Zeit?“ 

Beginnen wir vor allem damit uns umzusehen und zu suchen wo die Zeit ist. Ich denke, dass sie sie gefunden haben (mit Geschick „gestohlen“) auf eine Weise, die den Terminus Plastizität aufruft. Objekte, Wind, Wellen, Gesichter, Farben, repräsentieren in ihren Werken  die Zeit nicht, sondern sind Zeit. Zeit ist nicht etwas, das in der Luft ist, das schwebt, das nur durch seine Geschwindigkeit definiert wird (egal Wen ihr fragt, er wird euch antworten, dass Zeit etwas ist, dass langsam oder schnell sein kann), sondern etwas physisches ist, das du berühren kannst.  Sie ist plastisch und das Wesen der Plastizität. 

 

Genau wie bei den Neuronen kann man die Plastizität der Welt als die Zeit der Welt betrachten.

 

Daran hatte ich nicht vorher gedacht und unsere Gespräche während der Vorbereitung von “Plasticity“ - “Gestohlene Zeiten” haben mich in dieser Auffassung bestärkt.“

 

Giovanni Marsicano 

aus dem Italienischen übersetzt von Giuseppe Maruozzo

 

 

 

 

 

 

 

 

Bevor ich die Zeit zu beschreiben versuche, will ich zuerst einen Ort beschreiben. Dieser Ort ist gleichzeit ein Raum, ein Schauspiel, eine Bewegung. Eigentlich stehe ich alleine in meinem Atelier vor einer riesigen Leinwand und streiche Farbpigmente über trockene ausgebreitete Leinwand, mische und verteile Malerei in ständiger Bewegung.  Möglicherweise sehe ich so aus, als ob ich zielstrebig und völlig auf die Umgebung konzentriert wäre, in Wahrheit bin ich geistig völlig abwesend und mir meines Umfelds gar nicht bewusst.

Weder höre ich die Geräusche der Strasse noch rieche ich die Pizza im Backofen. Die CD hat aufgehört zu spielen und ich nehme es nicht wahr. Meine Hände bewegen sich scheinbar mühelos, wie von selbst.

Ich muss dringend die Toilette aufsuchen, aber unbewusst schiebt mein Geist diesen Gedanken immer weiter in die Ferne. Ich bin abgetaucht,gleite schwebend über einen fremden Ozean, wie beim Anschwellen einer Flut.Dann macht es unverhofft click.

Plötzlich rieche ich die schmorende Pizza im Ofen, spüre den übergroßen Harndrang und bemerke, dass David Bowie aufgehört hat zu singen. Ich schaue auf mein Handy und bin entsetzt, dass schon vierzig Minuten um sind. Mir kam es so vor, als wären es nur fünf gewesen.

Ich realisiere, dass ich am Lieblingsort meines Lebens gewesen bin und wie immer war mir mein Aufenthalt dort nicht bewusst. Ich spürte wie mich dieser Raum berührte, aber es war mir dennoch nicht möglich dies zu  beschreiben. Es ist ein Land des Vergessens.

 

Als Romantiker rede ich mir ein, ich hätte die Zeit gestoppt, mein Selbst jenseits der linearen oder kreisförmigen Zeit ausgedehnt und einen magischen Raum dahinter betreten. 

Als Künstler habe ich alle Toren  weit hinter mich geschwungen und dem Universum erlaubt durch meine elektrischen Finger hindurch in meine Malerei flutend einzudringen.

 

Als Mensch wird mir bewusst, dass ich dringend aufs Klo muss und in der Tat renne ich dorthin, um meine Blase zu befreien.

 

So ist es nun mal, wenn man versucht die Zeit zu beschreiben. Wenn mein Kopf mir sagt, ich könne sie abschalten, sagt mir mein Körper, dass sie weiterschreitet, obwohl wir so tun als könnten wir sie überwinden. Zeit ist endlos wie die Gezeiten, wie Wellen in Gedanken. Sie wird weiterhin fließen, wiederkehren... immer wieder kommen... .aufs Neue kommen.

Wie können wir diesen Raum beobachten?Es ist womöglich die flüchtigste Entität der Welt, es entzieht sich jeglichem Zugriff und widersteht allen Versuchen sie zu isolieren oder gar aufzuhalten. Ja sogar die Idee ein Foto könne einen Moment der Zeit rauben ist illusorisch. Die Photographie kann sie zwar physisch schwärzen, verwischen oder gar knacken. Im Bewusstsein unserer Wahrnehmung hat sie sich aber dennoch verändert. Unser Bewusstsein altert und kann vergessen, oder den Moment verändern, den das Bild gefangen hatte. Fotos vermögen zwar die Zeit zu verlangsamen, aber dennoch sind sie nicht in der Lage sie einzufangen. Sie ist immer unterwegs.

So frage ich mich ist  PLASTICITY eine Photografie oder ein Forum? Ist es ein Stück um den Moment zu definieren oder gar zu beobachten?

Während wir  Fiorito and Fluterel‘s visuelle Gebilde vorbeigleiten sehen, vermag wohl jeder Einzelne von uns  diese Kunstausstellung von unterschiedlichen Standpunkten her zu betrachten, aber wir werden allesamt die Erfahrung machen, dass die Zeit vergeht. Ich werde keinesfalls versuchen PLASTICITY zu definieren, ich kann nur meine Vorstellung von ihr andeuten.

Für mich als Maler stellt Plastizität den meditativen Raum dar, den ich beschrieben habe beim Malen, in dem alles in Bewegung ist. Das Land des Vergessens. Ein Ort den man als Moment einrahmen kann und von innen erleben  als Kunst. Anstatt das Wort Zeit zu benutzen, können wir es jetzt „ZEIT“ in Klammern nennen. Ein Rahmen ohne Grenze. Eine illustrierte Raum-Zeit Vorstellung. Wenn die bewusste Welt ausgeblendet wird und du dein Selbst, deine Gedanken und deinen Körper dem Moment und der Kunst übergibst. Ein Ort an dem du deine Umgebung vergisst, deinen Eigensinn, die Vorstellung was es zum Abendessen geben wird auch und offen wirst für die Arbeiten von einigen begnadeten Künstlern, Denkern und Visionären. Ein Ort wo du deinen Kopf entleerst und diesen freundlichen Übergang spürst, der dich vollkommen hinüberspült wie einen lebendigen Geist.  

James Devereux

21/10/2005 4:56 pm übersetzt aus dem Englischen von Giuseppe Maruozzo

 

 

 

 

Quid est ergo tempus?

Si nemo ex me quaerat scio,

si quaerenti esplicare velim nescio.

(S. Agostino – Le Confessioni, XI)

 

 

Für mich war es anders als bei  James Devereux und Giovanni Marsicano, niemand hat mich gebeten über die Zeit zu schreiben……zum Glück…..

Wenn sie es dennoch getan hätten, wäre ich gezwungen gewesen sie zu fühlen, ihr zuzuhören oder gar anzuschauen, und ohne es zu wollen, begann ich doch damit….ohne es zu wollen? ….daraus folgte: 

                                                   Schweiss,

                                                                 gesteigerte Herzaktivität, 

                        intensivere Atmung, 

                                                                                           Schwankungen, 

ich bemerke es nicht sofort, sondern sehe es im erstaunten Ausdruck des unbekannten Gegenüber, der mich ohne jegliche Spur von empfundener Peinlichkeit über seinen neugierigen Blick mich weiterhin anstarrt…hier, in diesem Nicht-Ort in dem ich mich befinde, in dem ich mich ad absurdum bewege, obwohl ich bewegungslos verharre.

Ich muss etwas tun, den unschuldig begangenen Fehler versuchen zu revidieren, aber wie?,  wo beginnen und eventuell neu anfangen, um so blitzartig die Lage zu beseitigen, in die ich mich selbst gebracht hatte ?

Ich versuche den Gedanken zu verschieben, probiere die Strategie der Stille, so bemerke ich, dass in meinem Bewusstsein einige Wörter durcheinander laufen, fließen, sich auf unwahrscheinliche Art nachlaufen, was dem kühnsten Coreographen Ehre bereitet hätte; einen Moment versuche ich zu widerstehen, 

 

                                                                     (sehr unwahrscheinlich) 

 

 dann lasse ich los, lasse mich gehen, entscheide mich sie gewähren zu lassen und sie dort hin zu lassen,  wohin sie wollen: 

 

“gestohlene Zeiten”

                                                            ,”Räumlichkeit”,                          “Zeit”, 

                             “Plastizität”,                            ” gestohlene Zeiten”,

                                                  ”Zeit”,                                  “gestohlene”………

 

                                                                   STILLE

 

 Die Bewegung der Nichtbewegung bricht urplötzlich in einem grässlichen Quitschen zusammen ab, das sich gewalttätig in meine Ohren bohrt und mein Körper beugt sich im Ungleichgewicht in totaler Antithese mit der umgebenden Situation nach vorne, um sofort wieder nach hinten zu fallen.

 

                                                                       STOP

 

Das Karussell der Wörter stoppt gemeinsam mit der Bewegung der Nichtbewegung und in einer fast perfekten Synchronie und gemeinsam mit dem Stop, erscheint SIE

 

 schön, sinnlich, wie eine reife Frau mit herben Formen, ich erkenne sie an ihrem majestätisch erbarmungslosen Gang, schon von Weitem weiss ich , dass sie es ist, aber ich warte ihren Namen auszusprechen, so als könne die vorzeitige Aussprache mir die Lust verderben sie anzuschauen, wie sie in ihrer hüfteschwingenden Anmut mir zart entgegenschreitet….. jetzt ist sie nah genug und einen Augenblick bevor ich sie rufe, sperre ich die Augen des Geistes weit auf, weil ich sie in allen Einzelheiten sehen will während ich es tue:

 

                                                                    PLASTIZITÄT

 

 Hier ist sie nun, perfekte und absolute Verkörperung der Geschmeidigkeit, Dehnbarkeit, formbare Essenz, weich.....ein merkwürdiger Name um sie zu definieren, als ob die mangelnde Musikalität des Terminus ihr nicht gerecht würde, aber ihr nackter Gedanke bewirkt in mir einen Zustand ideeller Eurythmie in diesem Zustand von Bewegung der Nichtbewegung.

Die Bewegung der Nichtbewegung beginnt von Neuem, ich merke es an einem ungewollten Aufbäumen des Rückens gegenüber der vorangegangenen Bewegung, ich suche schnell den Unbekannten und seinen neugierigen Blick, aber sie sind nicht mehr da und unmittelbar danach denke ich:

 “ …….zum Glück hat man mich nicht gebeten etwas über diese Geschichte der Zeit zu schreiben.……”

Sofort falle ich wieder darauf herein: 

plastische Räumlichkeit,  nur durch sie gelingt es mir  die Zeit zu empfinden, so als wäre sie eine Graalshüterin ihres Geheimnisses, die Einzige, die in der Lage ist mich zum Hinauslehnen zu bewegen auf diese Entität der unendlich wechselnden Gesichter, die schwer zu erkennen sind, weil sie immer lauern und jederzeit fähig sind mich unverhofft anzugreifen mit einem Ton, einem Geschmack, einer Empfindung, oder der unbewussten Nutzung eines Ausdrucks, oder Wörter die wir unschuldig wähnen wie „ FÜR EIN WENIG“, oder „AUGENBLICK“ „SOFORT“ „IMMER“ „NIE“                                                          

 Das Tempo [die Zeit], fiktives unbarmherziges Ausweichen, ich fühle es in meinem Haar kreisen, um in die unerwartesten Winkeln der Abende bis  über den Hals in die Lenden herabzusteigen; meistens tue ich so, als ob ich nicht merkte, dass es da ist in meinem eigenen Zimmer und wenn ich wieder und immer wieder eine Sequenz von Schritten wiederhole, beginnt es kuriose Arabeschen um meine Beine zu zeichnen; eines Tages, ich bin mir sicher, wird es mir ein Bein stellen, und von neuem denke ich:

“……zum Glück haben sie mich nicht gebeten etwas über diese Geschichte der Zeit zu schreiben,……………………. ich hätte keine Zeit gehabt…………”

 

 

 

Laura Yalil

Bologna,Mittwoch 9. November’05, 18:10

Aus dem Italienischen übersetzt von Giuseppe Maruozzo

 

 

 

 

 

 

 

Raum und Zeit als Phänomen unserer Warnehmung

 

Ramesh Balsekar, ein indischer Guru, beschrieb in einem seiner Bücher, soweit ich mich errinnern kann, die Zeit als zehn kilometer hohes und langes Ölgemälde. Der Mensch schreitet nun an besagtem Ölgemälde entlang und erkennt aufgrund seiner eingeschränkten Warnehmung nur einen Bruchteil der Malerei und nennt diese stetig steigende Summe an Wargenommenen dann Zeit, obwohl das Gemälde außerhalb des maaßes Zeit schon in Vollendung existiert.

Dieser Vergleich veränderte auf eine sehr interessante weise meine Warnehmung der Zeit, wenn auch nur temporär. 

Da sich auf dem Gebiet der Wissenschaft mein Wissen eher in Grenzen hält, bleibt mir nichts anderes übrig, als mit meiner Intuition zu arbeiten. Beim empfinden dieses Beispiels, gab mir die Intuition eine Art mystisch- natürlichen Zuspruch, dessen Erörterung den Rahmen meiner Fähigkeiten sprengen würde.

Die visuelle und musikalische Kunst dagegen, bietet die Möglichkeit, mit Sphären wie diesen zu kommunizieren und dem offenen Menschen ein Quäntchen Einblick zu gewähren.

 

Enik 

30.10.05 München

 

 

 

 

 

I Neuronenmusik

Eine Gruppe von Neurobiologen überträgt die Aktivitätsmuster von Neuronen auf ein MIDI-Klavier, um sie hörbar zu machen. Eine Spielerei – ein kurzes Audiofile von vielleicht 20 sec. Länge. Diese „Neuronenmusik“ wurde zur entscheidenden Inspiration für meine Musik zu „Plasticity“: anscheinend zufallsgesteuerte Tonfolgen. Die Wissenschaft sucht in diesen Aktivitäten von Neuronen nach wiederkehrenden Mustern, identifizierbaren Rhythmen, nach irgendeiner Art von Ordnung – bisher offenbar vergeblich.

Für mich als Musiker ist das kuriose file vor allem eines: ein kurzes, schräges Musikstück von interessanter Herkunft. Ich suche darin keine Algorhythmen sondern verschaffe mir einfach hörend einen Eindruck. Schließlich trifft man das nicht alle Tage: die „Ästhetik des Komplexen“ präsentiert aus erster Hand, nämlich der der Natur. Bei genauerem Einhören entdecke ich darin eine Ordnung anderer Art: permanente Permutation - alles ist ähnlich, nichts ist gleich. Musikerohren kennen das: keine Wiederholungen, sondern unendliche Variation. Spiel mit offenen melodischen Enden, mit Ähnlichkeiten, zufälligen motivischen Begegnungen und Überlagerungen.

 

Das Audio-File wird zwar kein Bestandteil von Plasticity X, markiert aber seine Geburt.

 

II Tempi rubati

 

Auf italienisch „geraubte Zeiten“ und nicht etwa „langsamer“. Mit Zeitlupe hat das also nichts zu tun. Eher mit dem Verlust des „einen“ Tempos. Das paßt mir gut in meinen Komponistenkram..

 

Fast immer leben wir schließlich in mehreren Zeiten. Höchst selten und meistens nur für kurze Zeit in einer Zeit.Gleichzeitigkeit ist ein Hauptmerkmal des modernen Lebens: sovieles, das gleichzeitig zu erledigen wäre. Soviele Lebensmodi mit je anderen tempi: Karrieremodus, Liebesmodus, Familienmodus, Urlaubsmodus...Zeitspuren, die sich überlagern. Das resultierende Leben ist zwar nicht immer kompliziert, aber stets komplex. 

 

Genau deshalb ist der eine, „reine“, unversehrte musikalische Verlauf inzwischen keine Heimat mehr. Nicht etwa wegen Auschwitz. Sondern weil heute gleichzeitig mit ihm stets noch andere „tracks“ spielen oder dudeln - in Gedanken, Gefühlen und auch in der Lebenswirklichkeit. Nur manchmal noch vermittelt Musik eine Ahnung davon, wie es war, als es diese Heimat noch gab: in einem Rhythmus zu fließen, aufgehoben zu sein in einem tempo und nur einem Stil. 

Das gilt genauso für die reine Avantgarde: rein atonal – das ist inzwischen genauso lebensfremd wie rein tonal. 

Also ein verlorenes Paradies? Nicht wirklich. Die Gleichzeitigkeit verschiedener musikalischer Wirklichkeiten und Verläufe erzeugt einen ungeheueren Reichtum. Ein wundervolles neues Land, sofern man ohne Streß darinnen wandert.

III Die Bilder

 

Plasticity von Fiorito/Fluturel: schöne Bilder. Bilder von großer Eleganz und Ruhe. Das Subversive daran liegt unter der Oberfläche. Kein Marktgeschrei. 

Zum Beispiel der rote „Schleiertanz“ in der Mitte des Stückes: das totale Idyll. Fließende Bewegungen, reinste Anmut in Zeitlupe. Heutzutage eine Provokation. Denn das Ungetrübte gibt es nicht. In jedem Idyll spürt man als Subtext auch sein Gegenteil. (Wiederum also Gleichzeitigkeit!) 

Als Musik dazu vier Alphörner die eine höchst elegische Oboe begleiten! Selige Phrasen. 

Darunter/dazwischen Soundmaterial von 9/11 in Manhatten, mitgeschnitten an jenem furchtbaren Tag via CNN. Das Ganze stark verzerrt und beschädigt - Botschaften aus dem havarierten Flugschreiber unserer westlichen Kultur. Erst aus beidem zusammen entsteht ein klanglicher Verlauf, den ich hier plausibel finde.

 

IV Naomi Grahams Stimme

 

Bruchstücke von Sprache, jedes davon eine offene Metapher – nicht zu erklären, aber extrem offen für Assoziationen. Gleich einer Neuronenzelle streckt ein solches Sprachpartikel Arme und Nervenenden aus nach allen Seiten, ist offen für Verknüpfungen. Anstatt zu binden und inhaltlich festzulegen, öffnen diese Wortlaute die Musik. 

V Warum denn nur Bachs „Aria“? 

 

In den Bildern gleiten Tropfen an Händen entlang. In der Aria tropfen Töne ins All, zunächst vereinzelt, dann mehr und mehr vernetzt zu Melodiebögen. Eine formale Entsprechung zunächst. 

Doch dann und vor allem entsteht aus ihrer Verknüpfung ein Abbild von Vollkommenheit. Das Ergebnis ist nicht logisch, sondern wundersam. Sowenig Töne. So unendlicher Sinn. 

Das nennt man Emergenz: wenn aus einem Pool von Elementen plötzlich ein Sinn entsteht, welcher die Summe seiner Elemente dramatisch übersteigt. 

Dazu die Hände-Bilder. Hände bedeuten für mich tasten. Tastendes Fingerspiel auf Tasten. Auch meine vierjährige Tochter klimpert manchmal, läßt Töne tropfen und wundert sich. Doch diese Verknüpfung ist privat.

 

VI Taketina 

 

Das indische Taketina ist eine ausgefeilte Rhythmussprache und dient zu Übungszwecken von Tablaspielern. Stimme gewordene Zeit. Strukturierte Zeit. Elf Silben auf einen „Beat“, oder 17 oder 18. Undenkbar für uns Europäer. Für uns klingt’s eher atemberaubend lustig. Mit time-stretch, diesem wunderbaren Spielzeug, wird aus einem Taketina-Pattern ein Strauß aufgefächerter Zeit. Fiorito läßt die Metronome tanzen, und Hussein (Zakhir) spricht mich dazu schwindelig. Was ist also Zeit?

VII Rätsel

 

Im vorletzten Teil spricht Naomi vier Worte: „the presence of somebody“. Chiffre für alles Rätselhafte der Neuronenwelt. 10 hoch x Verknüpfungen unserer Nervenzellen ergeben diese Präsenz. Die Musik recht meditativ – was mir gewissermaßen unterlaufen ist.

Im letzten Teil dann reine Bewegung. Schnelle und langsame Tempi in komplexen Mustern. Nicht aus Verlegenheit irgendwie zum Ende zu finden, sondern weil pure Bewegung wohl die Basis und die Quintessenz all des Gesagten ist.  

 

 

Xander Zimmermann 

28.10.2005

 

 

 

 

PLASTICITY | tempi rubati

Kritiken

 

”Wenn Künstler sich mit dem Thema „Zeit“ auseinandersetzen, so explizit und kreativ wie in PLASTICITY geschehen, dann stoßen plötzlich Gefühle der Vergänglichkeit und des Augenblicks in Dimensionen vor, die weit jenseits der zermürbenden Alltags-erfahrung liegen und uns ganz nebenbei einen hübschen Eindruck geben, was möglich ist, wenn der Mensch sich mal zur Abwechslung gelassen und nur dem Staunen verpflichtet zur Welt verhält.”

Mike Baran

1. Vorsitzender, "Don't Tell Mama e.V.

Verein zur Kunst- und Kulturförderung"

München, November 2005

 

 

„Jede Abbildung, jedes Foto hält einen Augenblick, den Bruchteil einer Sekunde in der Existenz eines Gegenstandes fest. Massimo Fiorito ist Fotograph. Sein Beruf ist das Festhalten solcher Momente. Er bestimmte den Augenblick, wann das Bild entsteht und führt das portraitierte Objekt in die Zeitlosigkeit über. Dabei arbeitet er mit mehreren Zeitebenen. Es ist die „Jetzt-Zeit“ eines flüchtigen Zustandes, ferner die „dargestellte Zeit“, jene, die in dem eingefangenen Motiv ein Zeitintervall erkennen läßt und das dritte Zeitfenster, welches die beiden genannten Zeiteinheiten überwacht, ist seine „Arbeitszeit“, d.h. die von ihm gewählte Belichtung seiner Kamera.

Die Wahrnehmung dieser Zeitparameter führt Massimo Fiorito zur philosophischen Betrachtung von Zeitintervallen, weg von der pysikalischen Zeitmessung, hin zur subjektiven Erfahrbarkeit von Zeit in seinen Bildern. Diese Betrachtungen setzt er in Fotos, Montagen auf Bildträgern und Videosequenzen um. Fiorito nähert sich der „Zeitinterpretation“ mit unterschiedlichen Stilmitteln. Er benutzt die bildhafte Symbolsprache, indem er den Abdruck eines Metromoms fotographiert, das aus dem Stilleben entfernt wurde, oder die schnelle Bewegung des tickenden Zeigers diese Metronoms, den er verschwommen einfängt. Da die bewegten Bilder im doppeltem Sinne des Wortes die Zeit veranschaulichen, fängt Fiorito auch in Videos das Zeitphänomen ein. Die vielen hunderte Aufnahmen, die eine Bewegungssequenz ausmachen, lassen sich bewußt verlangsamt bzw. beschleunigt abspielen, wodurch die Zeit dehnbar wird.

In seinem Video „Plasticity“tauchen die Gesichter der Schauspieler in Wasser ein. Sie scheinen in der Flüssigkeit schwere- und zeitlos zu treiben. Keine Luftblasen dringen aus Nasen und Mündern, die auf ein Lebenszeichen schließen lassen. Mit dem todesähnlichen Zustand der Portraitierten sucht sich Fiorito eine Metapher als Endzeit. Der weitere Verlauf des Videos wird von dem Lidschlag eines monumental vergrößerten Auges immer wieder unterbrochen und in neue Handlungsabläufe geteilt. Die bewußte Wahl der schwarz –weiß Tönung für das Augenlid und der Einsatz dieses Stilmittels zur Rhythmisierung des Videos erinnert an das Gestaltungsmerkmal der abgeschnittenen Nase in Bunuel`s „Andalusischem Hund“. Auch hier entseht eine Traumsequenz, die sich außerhalb der meßbaren pysikalischen Zeit bewegt. Es ist das phantastisch märchenhafte Bild, das dem Betrachter von anderen Zeiten erzählt.

Die Zeitreise wird in dem Video „Plasticity “mit den 4 wieder auftauchenden Gesichtern abgeschlossen, von deren Oberfläche in der Schlußszene des Films ein Rotfilter abfällt. Die „entkleideten“ Portraits bleiben mit dem Zuschauer im „Jetzt“ zurück. „

Christian Wichmann

München, November 2005